Predigt zum Sonntag Lätare, 15. März 2026

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Predigt zum Sonntag Lätare, 15. März 2026

22.03.2026

über Jesaja 66,10-14 (Lut17); in der Annenkapelle des Freiberger Doms St. Marien von Dr. Gunnar Wiegand, Pfarrer des Freiberger Doms

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen. Stille…

Liebe Gemeinde,

das Leben erscheint mir manchmal wie eine Wechselwirkung aus Trauer und Trost – also Freude. Und gerade dann, wenn ich in Trauer gefangen bin, drängt sich der Trost nicht sofort auf… wie komme ich da heraus?... gerade dann, wenn etwas unumkehrbar ist… verloren… ich keine Macht habe, das Rad der Zeit zurückzudrehen?

Da überkommt mich z.B. eine schwere Grippe… ich muss sehen wie ich meine Termine umorganisiert bekomme… die Kinder in die Schule oder Kita bringe – denn das Leben geht ja trotzdem weiter… und wo bleibe da ich… wenn meine Frau oder der Ehemann ja auch seinen Verpflichtungen nachkommen muss? … wo bleibt da der Trost, die Zuwendung?

Vielleicht musste ich den Wohnort wechseln… aus dem Haus mit Garten, in dem ich mein Leben lang gewohnt habe… in ein Wohnheim… weil es anders nicht mehr geht… oder meine Arbeitsstelle zwingt mich an einem neuen Ort bei fremden Menschen anzufangen (wie ich es selbst schon ganz oft machen musste… erst diese Woche habe ich von italienischen Freunden in meiner Zeit in Neapel und Rom geträumt) … Einsamkeit… fehlende Orientierung… wo ist das Vertraute, die Liebe und Zuwendung?

Vielleicht, das was am meisten schmerzen kann: der Verlust – Tod oder Trennung – eines Lieben Menschen, des Ehemanns, der Ehefrau, der Vater, der Mutter… ich spüre heute noch den Schmerz bei mir, die Trennung meiner ehemaligen Freundin… da war viele Jahrzehnte Gewissheit, tiefes Vertrauen (auch mit den Widersprüchen) … auf einmal weg… Leere… Orientierungslosigkeit… wie geht es weiter? Wo bleiben die Liebe und Zuwendung?

Und dann das Mitleiden… wie brennen sich mir die furchtbaren Bilder des neusten Kriegs in der Golfregion ein… diese Bombardements im Iran, die Bombardements in Tel Aviv, in Dubai. Und dahinter die Verzweiflung und Angst der vielen Menschen. Es macht mich sprachlos…  ich leide mit. Zweifelsohne war oder ist die Situation in dem autoritär geführten Land für viele Iraner bedrückend. Aber die Bomben eben auch… ganz zu schweigen von den unmittelbaren Auswirkungen… Menschen, die da irgendwo festsitzen und nicht mehr rauskönnen… wirtschaftliche Engpässe beim Öl (was wir sehr unmittelbar im eigenen Geldbeutel zu spüren bekommen), bei Lieferungen aus Fernost. Und wieder diese Ohnmacht vor einem solchen Konflikt – weit weg und doch irgendwie nah durch das Internet, die Medien. Wo bleibt der Frieden, die Liebe und die Zuwendung?

Der heutige Predigttext aus dem Buch des Propheten Jesaja spricht genau in unsere Unsicherheit, die Trauer, Leere und das Gefühl der fehlenden Liebe. In dieser Orientierungslosigkeit will der Prophet Orientierung schenken – ja trösten. Hören Sie selber:

Verlesung des Predigttextes Jesaja 66,10-14 (Lut17)

Ja, hier wird ein ganz anderes Bild gezeichnet als unsere oft mit Trauer erfüllte Wirklichkeit. Jesaja zeichnet das Bild einer Stadt, Jerusalem, in der alles völlig anders ist. Er vergleicht Jerusalem mit einer Mutter, die sich liebevoll um ihr Baby kümmert. Jerusalem als ein Ort der Geborgenheit, der Intimität zwischen Mutter und Säugling. Da sind eine stillende Mutter und ihr Kind. Ja, ein Augenblick, so intim, dass es mir fast peinlich ist. „Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust.“ Eine Provokation des Propheten, dass er uns die Glückseligkeit des Augenblicks förmlich aufzwingt – keiner von uns kann sich wohl an seine Zeit als Säugling erinnern. Und doch ist da dieses Gefühl der unendlichen Geborgenheit bei der Mutter, das Wissen: es muss jemanden in meinem Leben gegeben haben, der für mich da war, als ich hilflos und schwach war. Jesaja nennt es Trost: „Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen. Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden.“

Und ich frage mich: tröstet mich Jesajas Bild der Stadt Jerusalem als fürsorgliche Mutter wirklich – ganz persönlich, in meiner Lebenssituation hier in Freiberg? … Und da kommt mir: es muss oder kann vielleicht gar nicht unbedingt trösten … die Utopie einer Stadt, die auch noch so weit weg aus meinem Erfahrungshorizont ist, schafft das irgendwie nicht so richtig… und dennoch bleibt da diese eine ganz intime Geborgenheit … an die kann ich im übertragenen Sinn anknüpfen… Jesajas Bild erinnert mich an eine Situation in meiner Kindheit, wo mich die Lehrerin in den Arm genommen hat, wenn ich mir mein Knie beim Hinfallen blutig geschlagen habe… es erinnert mich an ein tröstendes Wort, eine tröstende Geste der Sekretärin in meiner ehemaligen Dienststelle an der Uni Leipzig, als meine Beziehung zerbrochen war. Ja es erinnert mich an die vielen Momente, in denen meine Mutter oder Vater bei mir waren und mich getröstet haben… wenn ich eine schlechte Note mit nachhause gebracht habe… wenn mir meine Frau einen Tee gekocht hat, mich in den Arm genommen hat, wenn ich sterbenskrank im Bett lag….

Und dann ist da ja auch noch das zweite Bild, ganz unmittelbar… das Bild der Stadt Jerusalem (das ja erst im zweiten Schritt mit der tröstenden Mutter verglichen wird) …

Jerusalem… eine Festung (kurioser Weise wurde das reale Jerusalem im bisherigen Bombenhagel aus dem Iran tatsächlich verschont) … ein Ort an dem Gott wohnt… der Ort, an dem Jesus das Abendmahl gefeiert hat… an dem er verurteilt, hingerichtet und wieder auferstanden ist… kurz das Bild für einen Ort der Gottesbegegnung, der Festigkeit und Verlässlichkeit – obwohl unser Alltag so ist, wie er ist… von den Gefühlsturbulenzen durchzogen… und damit auch mit allen Problemen Sorgen, alle Ängsten… ja aller Trauer … eine feste Burg.

Aber etwas ändert sich durch Jesajas Worte? … Wir müssen gedanklich nicht in unserer belastenden Wirklichkeit verhaftet bleiben. Denn wir wissen, dass es diese andere Wirklichkeit, das himmlische, wunderbare Jerusalem gibt. Egal, wie viel Not im eigenen Leben da ist: es gibt trotzdem die Zuversicht. Da sind meine eigenen Kraftquellen, meine Rückzugsorte, die mir das Leben erträglich machen. Und da sind ganz konkrete Taten: wenn ich krank bin, bin ich nicht alleine. Wenn mein Partner stirbt, meine Eltern tot sind, sind da andere Menschen um mich, an die ich mich wenden kann. Es gibt die Menschen um mich, Verantwortliche, die sich um mich mit Liebe und Verantwortung kümmern – so wie eine Mutter für ihren Säugling sorgt. In anderen Worten: es gibt ja bereits diesen Kreislauf aus Trauer und Trost – und damit Freude. Hier ist das himmlische Jerusalem ganz konkret bei uns angekommen. Und es schenkt mir auch die Gelassenheit, dass Gott die Dinge in der Welt auf seine Weise richtet. Wir haben als Menschen diese Wirklichkeit nicht bis ins Letzte in der Hand… und das ist aber auch gar nicht schlimm… es befreit von der Last, alles selber richten zu müssen, alles richten zu wollen… im Endeffekt vor der Verzweiflung der eigenen Begrenztheit.

Jesaja sagt uns: hier, in diesem Jerusalem ist es nicht so, wie in der schrecklichen Wirklichkeit. In den Armen einer Mutter, in den Mauern dieser Stadt könnt ihr euch wirklich geborgen fühlen: da ist keine Angst darüber, ob meine Kinder rechtzeitig von der Kita abgeholt werden oder wie es an meinem Neuen Wohnort weitergeht. Keine Angst, wie es im Leben mit mir ohne den Partner oder der Partnerin weitergehen kann. Ja, selbst die Angst vor dem Tod verliert hier ihren Schrecken. Und dann ist da sogar auch noch die Ermutigung: „Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie liebhabt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid.“

Ich weiß nicht, ob Sie im Moment leidvolle Erfahrungen durchmachen, ob Sie Ängste haben, trauern. Und ich weiß nicht, ob Sie Jesajas Wort trösten kann. Aber sein Trostwort bleibt: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden – mitten in eurer Trauer, in eurer Angst und euren Sorgen. Und dann sind wir wieder beim Trost und bei der Freude…

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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