22.03.2026
über Lukas 9,57-62 (Lut17); in der Annenkapelle des Freiberger Doms St. Marien von Dr. Gunnar Wiegand, Pfarrer des Freiberger Doms
Der Predigttext Lukas 9,57-62 (Lut17) wurde als Evangelium verlesen
Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Hern Jesus Christus. Amen Stille…
Liebe Gemeinde,
es ist früher morgen, es ist noch kühl. Auf den Erdschollen leuchtet noch der Raureif wie Schleier im Dämmerlicht der aufgehenden Sonne. Mit dem Spaten in der Hand geht es nun an das Kartoffelbeet. Der erste Sich, der erste Aushub… und so weiter… Stich für Stich… konzentriert… der Rand des Ackers naht… Schweiß auf der Stirn… Schweiß durchnässt inzwischen auch den ganzen Körper. Die zweite Furche… die dritte Furche… im Gesang der Vögel, beim Klang des Frühgeläuts und im Schein der Morgensonne ist die Arbeit getan… alles vorbereitet… die Kartoffeln können gesetzt werden. Ein sanfter kühlender Windhauch im Gesicht, innehalten, einen kräftigen Schluck Wasser…
Ich weiß nicht, wie es Ihnen beim Hören der drei Gleichnisse gegangen ist: ich fühlte mich sofort hineingenommen, ja gefangen in diesen Bildern… diesen simplen Alltagssituationen. Da ist das Naturbild vom Fuchsbau und dem Nest, eine anstehende Bestattung eines Vaters und eine Abschiedsszene… ich kann mich diesen Jesus-Worten nicht entziehen… ich kann mich nicht herauswinden… und obwohl es ja kurze Unterhaltungen mit drei unbekannten Männern sind, fühle ich mich doch ganz direkt angesprochen und damit in die Bilder hineingesogen.
Und gerade dadurch… was für Stimmungskiller durch Jesus… wie es Konfirmanden mal gesagt haben. Rastlosigkeit… permanente Wachsamkeit… kein Abschied nehmen von den Liebsten, keine Höflichkeiten, keine letzten Verabredungen „auf Wiedersehen“… kein herrlicher Moment des Innehaltens, der Rückschau der eigene Leistung oder gar Lebensleistung, kein Genuss des Augenblicks, kein Genuss der abgerungenen Arbeit, kein geschichtliches Einordnen von Verhältnissen… anders gesagt: Jesus fordert radikal zur Fokussierung auf… vorwärtsgewandt, das Reich Gottes im Blick…
Und weil diese Bilder so radikale Entscheidungen gegen Alltagsgewohnheiten fordern… fühle ich mich innerlich doch aufgewühlt… und ich muss gestehen auch haltlos. Haltlos, weil Jesus Abkehr von Gewohnheiten fordert, ja Nachfolge fordert, aber doch in diesen Bildern auch Vieles offenlässt. Und damit bleibt auch eine gewisse Ratlosigkeit.
Es stellt sich doch ganz unmittelbar die Frage: wem folge ich auf welche Weise nach? …. klar Jesus… für diese unbekannten Männer irgendwo zwischen Samarien und Jerusalem relativ einfach… sie konnten ihre Sachen hinter sich lassen und dann mit Jesus den Weg nach Jerusalem gehen… Was Nachfolge für sie bedeutete, konnten sie leibhaftig erleben. Aber was bedeutet die Nachfolge zur Schickung ins Reich Gottes ohne diesen Weg konkreten sinnlichen Weg mit Jesus an der Seite?
Und genau hier liegt eine große Gefahr in der Deutung dieser Gleichnisse…
- Zum einen laden diese Leerstellen in Jesu Bildern dazu ein, die eigenen Wünsche und Projektionen an diese Nachfolge zu stellen. Da ist auf der einen Seite die Gefahr, religiös-aufgeladene politische Überzeugungen oder Ideologien an die Stelle des Reiches Gottes zu setzen. Und damit wird Nachfolge zum Wunscherfüller der eigenen Machtfantasien. Genau das erleben wir beim machtpolitischen Agieren der Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten der Großmächte USA oder Russland… im Hintergrund gerechtfertigt oder zumindest offen geduldet durch irgendwelche Geistlichen im freikirchlichen Milieu oder der russisch-orthodoxen Kirche…
- Zum anderen lädt diese Leerstelle daher auch ein, beliebige fundamentalistisch-christliche Wünsche in den Mittelpunkt zu rücken und zu rechtfertigen… nach dem Motto, „alles was es bisher in der Tradition gegeben hat, lassen wir jetzt hinter uns… wir machen alles neu… neue Lieder, noch erwecktere Gebete… Abriss der Kirchgebäude… Rückzug ins Private“ Und da stellt sich doch die Frage: wem folgt man da eigentlich, wenn es um diese Äußerlichkeiten geht? … Separation… Isolation… Traumwelten von Gemeinde oder Kirche… das Heil in der Auflösung bewährter Rechtsstrukturen der Kirche, wie es die AFD in Sachsen-Anhalt inzwischen offen fordert… „Schwärmerei“ – wie es Luther genannt hat… oder auf der anderen Seite die eigenen persönlichen Wünsche und Neigungen… oder das bequeme, eingefahrene Leben… aber Reich Gottes?
Nachfolge lautet der Titel eines Hauptwerks des Theologen Dietrich Bonhoeffer, der gegen Kriegsende im KZ-Flossenbürg hingerichtet wurde. Inspiration für sein Buch waren genau diese Gleichnisse bei Lukas, die er Predigten in London 1934 zu Grunde legte. Für Bonhoeffer bedeutet Nachfolge radikale Bindung an Jesus und nichts anderes… „Aus den relativen Sicherungen des Lebens heraus in die völlige Unsicherheit (d.h. in Wahrheit in die absolute Sicherheit und Geborgenheit der Gemeinschaft Jesu)…“ (Bonhoeffer Nachfolge S. 14) – großartig und hochaktuell wie ich finde. Er nennt die daraus folgende Haltung „teure Gnade“… im Gegensatz zur billigen Gnade der Selbstrechtfertigung der eigenen Wünsche und Bedürfnisse. Und aus dieser teuren Gnade folgt eine Haltung, die im rechten Moment Einsatz fordert, ja sogar Opfer oder auch Leiden. Bonhoeffer selbst wurde wenige Jahre nach Erscheinen des Buchs selbst zum Märtyrer.
Es wird deutlich: Nachfolge ist in erster Linie eine Haltung. Nachfolge heißt nicht… ich muss jetzt aufbrechen, alles anders machen, die Welt mit Gewalt und meinen eigenen Wünschen und Fantasien verändern… wie so ein Selbstmordattentäter. Nachfolge heißt Jesu Evangelium, Jesu Lehre zum Mittelpunkt des Lebens machen. Bonhoeffer orientiert sich dabei in erster Linie an der Bergpredigt… für ihn heißt das vor allem auch das Leben nach Jesu Lehre. Und er betont auch die Gemeinschaft in Wort und Sakrament – so wie wir heute hier versammelt sind.
So weit wie Bonhoeffer würde ich heute gar nicht gehen… die Bergpredigt würde den Rahmen dieser Predigt sprengen. Ich will daher mit ihnen noch einmal den Blick in die Gleichnisse von Lukas lenken – denn sie geben durchaus versteckte Hinweise, was Nachfolge heißt.
- Da ist das erste Bild des Fuchsbaus und des Nests… Jesus bejammert, dass er keinen Ort habe, wo er sich – wie so ein Fuchs oder ein Vogel – hinlegen könne. Für mich steht dieses Bild für Besitzlosigkeit, ja Armut. Für mich heißt es nicht… „Du musst jetzt wie ein Mönch all Deinen Besitz aufgeben für Gott“ – das wäre werkgerecht, selbstgerecht. Nein, es ist eine Haltung, die Stärke und Gewissheit verleiht… dort wo Armut ist, ist Gott da… er hilft im besten Fall die Situation zu ertragen… stärkt… bis es wieder besser geht. Armut ist kein Makel… Und – um wieder zu Bonhoeffer zu kommen – es leitet sich daraus ab: wir sollen dieser Armut, Obdachlosigkeit (im wahrsten Sinn des Wortes) entgegentreten, uns für arme Menschen einsetzen. Für mich heißt es vor allem unseren Sozialstaat zu stärken, der heute so bedroht ist wie nie… gerechte Chancen für alle Menschen in unserem Land… Teilhabe… aber auch Verantwortung, die sich aus unserem gesellschaftlichen Reichtum gegenüber ärmeren Ländern ergibt…
Angesichts unserer absolut notwendigen Domsanierung finde ich dieses Gebot von Jesus die größte Herausforderung… wie können wir in diese Steine investieren und uns gleichzeitig der Armen dieser Welt annehmen?
- Dann ist da die Berufung eines Mannes, der seinen Vater bestatten möchte… aber Jesus ruft ihn zur unmittelbaren Nachfolge… auf den ersten Blick völlig absurd… völlig gegen unsere Wertvorstellung würdevoller Bestattung… eine Frau im Frauendienst in Kleinwaltersdorf sagte mir zu dieser Bibelstelle, da könne Sie mit Jesus überhaupt nicht mitgehen…
Ich denke es geht um etwas anderes: die Fokussierung, die Trauer über den Tod hinter sich zu lassen... auch wenn Jesu Zeitpunkt hier sehr früh gesetzt ist… Gefühle der Trauer des Selbstmitleids, die über zu lange Zeit uns den Blick versperren… uns unfrei machen… uns in eine Abwärtsspirale führen… Freiheit von all dem und der Gewinn des Reiches Gottes. Es heißt nicht: den Vater vergessen, den Vater alleine zurücklassen… sondern loslassen vom Vater, das Leben neu sortieren, ausmisten, ja vielleicht Vergebung, wo es zu realem oder gefühltem Unrecht gekommen ist… Wichtiges von Unwichtigem trennen.
Da finde ich mich mitten in der Passion wieder… Jesus ist in der Geschichte ja auf dem Weg nach Jerusalem und geht damit seinem Leiden entgegen… dazu lädt er diese Männer ein… und Jesus ist den Weg ans Kreuz konsequent gegangen… selbst seine Jünger haben ihn auf diesem Weg nicht verstanden… dass dieser Weg sogar im Tod am Kreuz eine Zäsur hat… für mich könnte das bedeuten: Buße, Vergebung und Annahme, wo es mir dieses Leben schwer macht oder schwer gemacht hat.
- Drittens zum Bild des Pflugs im Acker… für mich bedeutet das Bild „Altes hinter sich lassen… und Mut Neues zu beginnen…“
Heute ist Synodalwahl… es werden neue Kandidatinnen und Kandidaten für unser Kirchenparlament gewählt… und damit ist dieses Wort ganz unmittelbar eine Ermutigung diese Aufgaben anzugehen… und sie sind herausfordernder denn je… auf Grund massiv schwindender finanzieller Mittel tagte vorgestern und gestern die alte Synode, um über den Strukturentwurf „Kirche im Wandel“ zu beraten… wie können die Rechtsverhältnisse künftig so geordnet werden, Pfarrstellen so verteilt werden, dass diese Kirche in ihrer Organisationsform gut weiterbestehen kann? … und das bedeutet auch… völlig neue Wege zu gehen, die nicht nur zurückbauen, sondern auch die Möglichkeit für neue Formen geistlichen Lebens und Mission eröffnen.
Das Schöne an diesem Bild der Bestellung des Ackers ist ja: klar muss ich fokussiert diesen Pflug konzentriert eine Richtung geben… das Erdreich bestellen… aber dann ist das Gedeihen des Ackers nicht mehr in meiner Hand.
Es ist Herbst… ich kehre an einem kühlen Oktobertag an meinen Acker zurück… die Spätkartoffeln sind reif zur Ernte. Ich nehme meinen Spaten und steche vorsichtig Scholle für Scholle auf… da ist wieder der erdige Duft und zwischen drin grau umhüllt die großen Knollen… ich freue mich über meine vollen Stiegen… viele Wochen Leben aus dem eigenen Acker.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
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