Predigt zum Sonntag Reminiszere mit Taufe, 1. März 2026

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Predigt zum Sonntag Reminiszere mit Taufe, 1. März 2026

22.03.2026

über Römer 5,1-5 (Lut17) und Römer 8,28a (Lut17); in der Annenkapelle des Freiberger Doms St. Marien von Dr. Gunnar Wiegand, Pfarrer des Freiberger Doms

Der Predigttext Römer 5,1-5 (Lut17) wurde als Epistel verlesen

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen. Stille…

Liebe Gemeinde,

„Wir sind gerecht geworden durch den Glauben“ … dieser Satz ermutigt mich, aber er provoziert mich auch. Denn dieser Satz öffnet eine gedankliche Gratwanderung.

Auf der einen Seite ist da dieser Ermutigung… da spricht einer, der genau weiß, was gerecht ist. Und als Gläubiger fühle ich mich geschmeichelt: die Gerechtigkeit ist wohl auf meiner Seite. Ein gutes Gefühl. Es verleiht Sicherheit, Gewissheit. Es ist doch schön, die Gerechtigkeit auf seiner Seite zu haben… und es schwingt da bei mir die ganze lutherische Tradition mit… wir sind aus Glauben gerechtfertigt. Dieser Satz stiftet doch Gemeinschaft ganz konkret hier bei uns.

Und dann ist da aber auch noch die andere Seite – die vielleicht sogar noch stärker oben auf liegt… vielleicht hat sie sich bei Ihnen durch meine Überlegungen aufgedrängt. Und ich finde: sie provoziert. „Wir sind gerecht geworden“ – das klingt doch selbstgerecht! Wenn mir einer sagt, er weiß, was Gerechtigkeit ist und dann auch noch sagt „hier ist sie“, „nimm sie“ oder gar „Du gehörst schon dazu“, dann gehe ich auf innere Distanz…, ich finde es überheblich… es blendet die negative oder kritische Kehrseite aus…. es schafft eine Bubble, eine Idealwelt.

Und sogleich fühle ich mich hineinversetzt in so Vieles, was mir in unserer Zeit oft aufstößt: die Storyteller im Verbund mit Medien- und Techkonzernen. Sie öffnen Plattformen zur Selbstdarstellung, zur Schaffung heiler Welten, oft unter krudesten Mitteln der Abgrenzung gegenüber den Armen und Schutzlosen dieser Welt. KI-generierte Scheinwelten, KI-generierte Scheinmenschen, Influencer, die die Welt immer in der selbstgedachten, selbstgefühlten Idealwirklichkeit vorgaukeln… einer Bubble… oft unterfüttert mit Fakes, die als Pseudofakten daherkommen… und am Ende auch der Missbrauch all dieser Möglichkeiten durch die Wirtschaft, die Politik… ja sogar Religion – ein Kreuzganggespräch wird sich diesem eigenartigen, aus den USA stammenden Phänomen widmen. Propaganda – hat man es früher genannt. Eine Zeit, die sich durch schöne Bilder abspeisen lässt. Doomscrolling, statt kritisch geprüfte Information, echtes Wissen.

Ich erinnere mich: ich bin ich zufällig auf eine Internetseite gestoßen, die spezielle Kreuzfahrten angeboten hat. Ich war anfangs begeistert aber völlig abgeturnt von der Werbung. Sie wirkte auf mich wie ein glattpoliertes Versprechen, das mit der Wirklichkeit nur lose verwandt ist. Sie zeigte mir ein forciert-idealisiertes Bild der Landschaften und der zu bereisenden Welt. Mir hat das authentische, das morbide Gegenbild gefehlt.

Ja, es scheint: es braucht da noch das Morbide, den Gegenpol, den Stachel im Fleisch… sonst erreicht mich eine solche Botschaft „Wir sind gerecht geworden durch den Glauben“ nicht so recht. Und Paulus liefert genau dieses Gegenbild im nächsten Teilsatz „wir [haben] Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus.

Wir sind mitten in der Passionszeit und erinnern an Jesu Leiden. Jesu steht für dieses Leiden, das von der Einsamkeit des Gartens Gethsemanes, der Angst, die ihn bis ins Mark erschütterte, über die Erfahrung des Verrats durch einen Freund und die Verlassenheit durch die, die ihm am nächsten standen bis hin zu seinem Tod am Kreuz reicht. Jesus kennt die ganze Palette menschlicher Not: Angst, Schmerz, Ungerechtigkeit, Spott, körperliche Qual und die tiefe Frage nach dem „Warum?“, die im Schrei am Kreuz kulminiert: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Und damit ist klar: Die Gerechtigkeit aus Glauben ist keine Idealwelt, kein Schein, keine KI- oder Influencing-Bubble und kein politisches Statement, smart als Storytelling verpackt. Gott nimmt die Härte unseres menschlichen Lebens ernst. Zwischen den Zeilen blickt in dem kurzen Briefausschnitt an die Römer durch, wo Paulus diese Härte wohl selbst erlebt hat: er selbst war in existentieller Not – Bedrängnis übersetzt Luther das griechische Thlipsis. Tribulatio in Latein. Tribulus ist ein Stachel… so wie Jesus die Dornenkrone auf seinem Haupt gespürt hat. Paulus war selbst im Gefängnis für seinen Glauben und er hat die Not der frühen Gemeinden wahrgenommen, die für ihren Glauben angefeindet wurden… ganz körperlich.

Nun ist aber hier ja auch vom Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus die Rede. Jesu Leiden hat nämlich einen Ursprung: Es ist getragen von einer Liebe, die größer ist als alles, was ich kenne. Jesus geht diesen Weg in sein Leiden freiwillig. Er trägt, was mich niederdrückt. Er nimmt auf sich, was mich von Gott trennt. In seinem Leiden wird sichtbar, dass Gott es ernst mit den Menschen meint. Er wird selbst Teil dieser Welt, um sie von innen heraus zu heilen. Jesaja beschreibt es mit den Worten: „Durch seine Wunden sind wir geheilt.“ In Jesu Wunden liegt liegen Schmerz und Heilung gleichermaßen beieinander; Tod, aber auch gerade der Anfang neuen Lebens.

Vorhin haben wir die kleine XXX getauft. Ihr Leben ist noch völlig unberührt von den menschlichen Verwerfungen, den Tribulationes. Im Gegenteil: sie haben mir XXX als ein entspanntes Mädchen beschrieben. Als ich beim Taufgespräch war, lag sie ganz brav da und hat geduldig auf die Mama gewartet. Aber sie ist vor allem auch neugierig… und will vieles mitkriegen… Und ich habe im Gespräch herausgehört… sie wünschen sich, dass XXX frei aufwachsen kann… nicht niedergedrückt durch einseitige Meinungen nach dem Motto „der Laute hat immer recht“… ein freies Leben getragen durch Gott. Von heute ab gehört XXX zu unserer Gemeinde, unserer Kirche und damit zu Gott. Sie hat Anteil an der Gerechtigkeit, die aber die Nöte, die Bedrängnisse der Menschen kennt. Diesem Leben wird sich XXX auch stellen – mit allen Widrigkeiten. Aber gestärkt durch diese heutige Taufe. Und zufällig haben Sie einen Taufspruch aus dem Römerbrief gewählt, der genau den Gedanken des Paulus aus dem Predigttext zur Grundlage hat (Röm 8,28a): Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben alle Dinge zum Besten dienen. Liebe schenken Sie als Eltern, Familie, Angehörige, Paten und Freunde schon heute der kleinen XXX. Durch den Vers wird sie aber auch immer an die Liebe erinnert – das Gegenseitige. Und dadurch auch: sie darf sich in der Liebe auch von Gott beschenken lassen, so wie Jesus aus Liebe ans Kreuz gegangen ist. Ich wünsche XXX und ihnen als Familie, Paten und Freunde dieses Leben aus der Liebe Christi.

Ich möchte noch einmal zur Epistel zurückkommen. Am Ende steht diese eigenartige Gedankenkette: „Wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.“

Wichtig ist mir vor allem dieser letzte Gedanke der Liebe – so wie auch in XXX Taufspruch… die Liebe ist durch die Taufe und den Glauben an Jesus ausgegossen in unsere Herzen. Das was für XXX gilt, gilt auch für alle Getauften: Wir müssen unser Leid nicht allein tragen. In jeder Dunkelheit, die uns begegnet, ist einer, der den Weg kennt. Jesu Leiden eröffnet uns Vergebung, wo wir schuldig geworden sind. Es schenkt Trost, wo wir verzweifeln. Es gibt Hoffnung, wo wir keinen Ausweg mehr sehen. „Wir wissen,“ – so Johanna Haberer – „dass es in der Mehrzahl vom Leben gezeichnete Menschen waren, die sich den christlichen Gemeinden anschlossen. Witwen, die in der Gemeinde Ansehen und Schutz fanden, Sklaven, die von ihren Herren zu Drecksarbeiten gezwungen worden waren, Prostituierte, die sich selbst für eine Ware hielten und auch so behandelt wurden. Menschen, die ihr Leben verzockt und verplempert hatten. Soldaten mit blutigen Händen, die von den diversen Schlachtfeldern zurückkehrten.

Sie alle betraten mit der Taufe einen neuen Lebensraum. Sie erhielten ein weißes Gewand, tauchten in der Taufe vollständig unter und tauchten als neue Menschen wieder auf.“ (Johanna Haberer: Reminiszere, pfarrerverband.de 1.3.26)

Und es zeigt uns unseren Wert: So viel sind wir Gott wert, dass er selbst den Weg des Leidens gegangen ist. Das Kreuz ist das Zeichen der Liebe, die bis zum Äußersten geht – und damit nicht nur Zeichen des Leides. Darum erinnert der Blick auf Jesu Leiden an die Freiheit und den Frieden – mit dem Paulus gedanklich anhebt. Wer erkennt, was Christus getragen hat, muss sich nicht mehr selbst retten. Wer sieht, wie tief seine Liebe reicht, kann neu leben. Und das gibt Kraft, dem nächsten beizustehen. Denn wer von Christus getragen wird, kann selbst zum Träger für andere werden. Jesu Leiden bleibt nicht beim Tod stehen. Es führt zur Auferstehung, und damit zu einer Hoffnung, die stärker ist als alles, was uns bedrängt.

„Wir sind gerecht geworden durch den Glauben“ … dieser Satz ermutigt und provoziert gleichermaßen. Und er eröffnet eine Gratwanderung – vermeintlich. Jesus bewahrt vor Selbstgerechtigkeit und ist trotzdem oder gerade deswegen die Gerechtigkeit.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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